Im Autopilot durch den Kanal

Lange, enge Wurzelkanäle stellen selbst erfahrene Endo-Experten vor besondere Herausforderungen. Moderne Endomotoren helfen hier wie ein gutes Navigationssystem im Auto den Überblick zu behalten auf dem manchmal kurvigen Weg zum Apex. Im folgenden Fall navigierte der clevere Co-Pilot Dr. Richard Gray sicher durch die Behandlung einer Nekrose in Zahn 47, Anzeige von „Staumeldungen“ und „Pausenzeiten“ inklusive.

Richard J. Gray DDS

 

Der Traum vom autonomen Fahren beschäftigt Mobilitätsforscher und Entwicklungsabteilungen großer PKW-Hersteller seit geraumer Zeit. Beim Durchfahren S-förmiger Kanäle „auf Sicht“ bzw. nach taktilem Feedback wünschen sich Endo-Experten manchmal auch den Luxus eines vollautomatischen Co-Piloten, der weiß, wann ein Feilenwechsel empfehlenswert wäre und wann ein Boxenstopp eingelegt werden sollte bzw. gespült wird. Im Folgenden beschreibt der amerikanische Endo-Spezialist Dr. Richard Gray seine erste Testfahrt mit einem neuartigen Endomotor sowie seine Erfahrungen „on the road“.

Abb. 1: Präoperative Röntgenaufnahme Zahn 47

/// Der lange Weg zum Erfolg

Im Frühjahr diesen Jahres wurde eine 33-jährige Patientin in unsere Praxis überwiesen. Sie klagte über Schmerzen im rechten Unterkiefer. Bei der Röntgendiagnostik stellte sich u.a. heraus, dass die Wurzelkanäle länger als gewöhnlich waren. Die mesialen Kanäle waren 23 mm lang, der distale Kanal 22 mm. Zudem waren die Kanäle im apikalen Drittel deutlich verengt. Die erfolgreiche Navigation durch das Wurzelkanalsystem würde sich folglich als besonders schwierig darstellen. Zahn 47 zeigte zudem eine auffällige Aufhellung im Röntgenbild (Abb. 1). Die Diagnose lautete daher: Nekrose mit asymptomatischer apikaler Parodontitis. Die Patientin stimmte schließlich der notwendigen Wurzelkanalbehandlung zu.

 

Aufgrund der besonderen anatomischen Verhältnisse fiel die Wahl auf den CanalPro Jeni Endomotor zur Behandlungsunterstützung. Beim Jeni handelt es sich um ein neuartiges digitales Endo-Asisstenz-System des internationalen Dentalspezialisten COLTENE (Abb. 2). Benannt ist der (bezaubernde) Jeni nach seinem Erfinder, Prof. Dr. Eugenio Pedullà. Bei der Aufbereitung eines S-förmigen Kanals kam dem italienischen Endo-Spezialisten die Idee, die Vision des autonomen Fahrens auch in der Endodontie für eine sichere und weniger fehleranfällige Wurzelkanalbehandlung zu nutzen. Das Ergebnis ist ein vollautomatischer Endomotor, der selbständig den Weg durch den Wurzelkanal findet. Aus Stolz auf seine buchstäblich „wegweisende“ Erfindung wünschte Eugenio, dass das Gerät nach ihm benannt würde: der Jeni.

Abb. 2: Vollautomatischer Endomotor

/// Autopilot in unwegsamem Gelände

Wie ein routiniertes Fahrassistenzsystem im Auto navigiert auch Jeni den Anwender sicher und zügig durch den Kanal. Dank komplexer Algorithmen steuert der Endomotor im Millisekunden-Takt die variablen Feilenbewegungen. Dabei werden Rotationsbewegung, Drehzahl und Drehmoment kontinuierlich den jeweiligen Gegebenheiten angepasst. Beim folgenden Fall galt es vor allem, eine sichere und zuverlässige Aufbereitung trotz der anatomischen Gegebenheiten zu ermöglichen. Dafür brauchte es einen Motor, der Feilenstress minimiert und die einwirkenden Torque-Kräfte durch Korrektur des Drehmoments optimal managt. Auf Hindernisse im Kanal bzw. ein eingeschränktes Arbeitsfeld sollte der Motor ebenfalls rechtzeitig reagieren. Gerade bei langen, engen Kanalverläufen hilft es einen „Spurassistenten“ zu haben, der weiß, wann ein Feilenwechsel empfehlenswert wäre.

Abb. 3: Sequenzwahl per Touchscreen

Nach Anlegen des Kofferdam und Schaffung des Zugangs wurden die Kanäle zunächst mit Handfeilen der Größe 8-15 sondiert. Mithilfe des Apex Locator ließ sich dabei rasch die entsprechende Arbeitslänge herstellen. Die eigentliche Aufbereitung erfolgte mit flexiblen NiTi-Feilen. Im Steuerungsprogramm des Jeni Endomotors lassen sich grundsätzlich per Touchscreen unterschiedliche Feilensysteme auswählen (Abb. 3). Voreingestellt in der Software sind derzeit die HyFlex CM bzw. EDM sowie die MicroMega OneCurve oder 2Shape aus dem Hause COLTENE. Das Doctor’s Choice-Programm erlaubt ferner das Einspeichern individueller Sequenzen mit bis zu acht Feilen, dann allerdings ohne die Assistenzfunktion des vollautomatischen Jeni-Modus, sprich: beispielsweise der Feinjustierung der Rotationsbewegung. Da Updates jederzeit per microSD-Karte aufgespielt werden können, sind künftig sicherlich auch weitere, alternative Konfigurationsmöglichkeiten denkbar.

 

Um explizit die Empfehlungen zum Feilenwechsel sowie die automatische Spülansage nutzen zu können, kam im beschriebenen Fall die HyFlex EDM in folgender Sequenz zum Einsatz: Als Erstes wurde eine Feile der Größe 15 mit Taper 03 verwendet, gefolgt von der 20/.05-Feile. Den Großteil der Arbeit in den mesialen wie distalen Kanälen erledigte die Universalfeile 25/~ HyFlex EDM OneFile. Abgeschlossen wurde mit einer 40/.04-Feile für die Filigranarbeit. Mit dieser Sequenz wurden alle Kanäle erfolgreich gereinigt und ausgeformt.

 

Erstaunlich war, wie leicht sich die Feile dem wechselnden Druck anpasste, der auf das Instrument im Kanal ausgeübt wurde. Der Behandler hält lediglich das Winkelstück, während der Motor quasi den Rest erledigt. Mit dem Jeni erhalten Endo-Anfänger wie -Experten somit ein ganz neues Behandlungsgefühl. Ein bisschen stellt man sich das Ganze vor wie Sportwagen fahren im Autopilot: Dank der ausgeklügelten, technischen Eigenschaften verfügt die Maschine über genügend Power für die Bewältigung unebener Strecken, korrigiert dabei aber selbsttätig den Kurs, um auch enge Kurven zu meistern. Der Behandler arbeitet beständig mit leichtem Druck von koronal bis apikal, was das System äußerst effizient macht. Gleichzeitig entfallen damit die kleinen tupfenden Bewegungen, die beim Aufbereiten nach taktilem Feedback normalerweise üblich sind. Die Wurzelkanalbehandlung wird also insgesamt schneller und auch weniger fehleranfällig.

 

Das Erstaunlichste desweiteren: Im Jeni-Modus weiß der Endomotor sogar, wann es Zeit ist zu spülen. Nach Erklingen des akustischen Signaltons wurde die jeweilige Feile aus dem Kanal entfernt und mit Natriumhypochlorit sowie anschließend unter Einhaltung des gebotenen zeitlichen Abstands mit Chlorhexidin gespült. Obturiert wurde wie üblich mit Guttaperchaspitzen in Kombination mit biokeramischem Sealer. Das abschließende Röntgenbild zeigt einen der natürlichen Anatomie folgenden Kanalverlauf, der sauber aufbereitet und zuverlässig mit Guttapercha versiegelt ist (Abb. 4). Der Patient konnte zufrieden entlassen werden, das Langzeitergebnis wird sich im Follow-up zeigen.

Abb. 4: Kanalverlauf im postoperativen Röntgenbild

/// Fazit

Lange, verengte Wurzelkanäle stellen besondere Herausforderungen an die Bruchfestigkeit und Flexibilität moderner NiTi-Feilensysteme. Digitale Endo-Assistenz-Systeme helfen dem Behandler hierbei durch Anpassung der variablen Feilenbewegung und navigieren als zuverlässiger Co-Pilot Schritt für Schritt durch die mechanische wie chemische Aufbereitung. Dank des beständigen Voranarbeitens von koronal nach apikal gestaltet sich die Kanalausformung deutlich effizienter und weniger fehleranfällig als gewohnt – fast wie autonomes Fahren mit einer PS-starken Hochleistungsmaschine.

 

– AUTOR

Richard J. Gray DDS

 

– KONTAKT

Coltène/Whaledent GmbH & Co.KG
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