Mit ätherischen Ölen gegen die Dysbiose der Mundflora

 

In den letzten Jahren hat die Anwendung ätherischer Öle als Teil der Phyto-Aromatherapie eine positive Entwicklung verzeichnet und gelangt immer mehr in den öffentlichen Fokus.

Janine Klee

 

Die Aromapflege im Rahmen der Krankenpflege geht in besonderem Maße von der Ganzheit und Individualität des Patienten aus. Sie ist als Teil der Phytotherapie  eine „besondere Therapierichtung“. Sie gewinnt auch in der Mund und Zahnpflege wieder zunehmend an Bedeutung, insbesondere bei:

 

  • chronischen und akuten Infektionen – Parodontitis
  • Pilzinfektionen – Candida
  • Munderkrankungen – Herpes, Aphten, Lichen ruber Planus
  • Kleinflächige- Wunden
  • Infektionen mit multiresistenten Keimen

Die Wirkweise bei Viren ist noch nicht vollständig geklärt. Deshalb können ätherische Öle im Aromatogramm nicht getestet werden. Bei Munderkrankungen wie Herpes, Aphten  werden schleimhautpflegende und antivirale Öle eingesetzt. Für Lichen ruber planus haben sich hautregenerierende und hautberuhigende  Öle bewährt.

Der Einsatz ätherischer Öle kann in der Zahnheilkunde ein besonderer Teilbereich der Prophylaxe (Ölziehen, Mundbalsam, Tinkturen, Mundwasser) sein. Bei Patienten, die eine komplementäre Behandlung mittels Aromapflege Therapie wünschten, kann die Gabe von Chlorhexidin und Antibiotika deutlich reduziert oder sogar ganz vermieden werden. Naturreine ätherische Öle – genuine Öle (z.B. von  Primavera) finden ihre Wirkung in ihrer antibakteriellen, antiviralen, antimykotischen, zellstärkenden und stabilisierenden Eigenschaft. Sie wirken unterstützend in der Wundheilung vor und nach Zahnbehandlungen, sind pflegend und beruhigend für die Schleimhäute und fördern die Balance der Mundflora.  Sie können u.a. die Schutzhülle der Bakterien angreifen, in das Zellinnere eindringen, und dort Energiestoffwechsel,  Proteinsynthese und Kernstrukturen angreifen.  Krankheitsauslösende bakterielle Beläge, Biofilme, können behindert, lahmgelegt oder sogar auflöst werden.

 

/// Fallpräsentation

Anamnese : im März 2018 stellte sich die 37 jährige Patientin mit starken Schmerzen, Foetor ex ore, pathologischen Mobilitäten, Rezessionen, Pusaustritt und multiplen Furkationsbeteiligungen vor. Der Mundhygienestatus ergab einen API (Plaqueindex)  von 100 % und einen BOP (Bleeding on Probing)  von 89%. Zudem hatte die Patientin keine feste Struktur in ihrem Leben und psychische Probleme. Der Zahnhalteapparat zeigte in allen Regionen einen massiven horizontalen Knochenabbau mit multiplen vertikalen Einbrüchen bis 90 % und mit intraalveolären Knochentaschen. Der Knochenabbauindex betrug 2,43 % Prozent. Eine erste Parodontitisbehandlung war 2010, 2014 folgte die zweite und 2017 erhielt sie ein Antibiotikum (Metronidazol (Clont ®)). Im März 2018 fiel erstmalig ein Zahn spontan aus. Ihr Hauszahnarzt überwies die Patientin in die Uniklinik. Die Patientin hatte das Bedürfnis wieder schmerzfrei zu werden und wieder kraftvoll zubeißen zu können. Ihr großer Wunsch war es, auf Chlorhexidin und Antibiotika zu verzichten.

 

Diagnose: Nekrotisierende Parodontitis(generalisiert, Stadium III– Grad C). Infolge von Rauchen, Alkohol und Drogenkonsumbestand ein zusätzliches Risiko für eine Ausweitung der oralen Entzündung und letztlich für eine systemische Erkrankung.

 

Behandlungsplanung: Zahn 27 sollte entfernt werden, klassische  geschlossene Parodontitistherapie mit naturheilkundlicher Full Mouth Desinfection (FMD): Blutbild vom Hausarzt, Empfehlung von Nahrungsergänzungsmittel (Vitamin D, Vitamin B, Folsäure, Leinöl, Schwarzkümmelöl , Zeolith Froximun) als unterstützende Begleitung. Somit wurde als Therapieziel „Schmerz- und Entzündungsfreiheit“ festgelegt und der Erhalt der eigenen Zähne angestrebt. Die Patientin wurde intensiv über den Behandlungsverlauf, die nötige Compliance bei der häuslichen Mundpflege, die unterstützendende Parodontal Therapie UPT, das naturheilkundliche Verfahren, Risiken und Neulandcharakter  dieser besonderen Therapie Richtung aufgeklärt. Es handelt es sich um einen Versuch die Dysbiose im Mund aufzubrechen. Sollte die Patienten in der UPT nicht eiterfrei werden, wird eine Antibiose erfolgen.

 

Initialtherapie: als erster Schritt wurde eine „Mundgesundheits-Sitzung“ durchgeführt. Diese dient der Erfassung der Risikostellen und der Auswahl der Hilfsmittel. Es wurde die Putztechnik mit der Handzahnbürste umgestellt: Die Patientin sollte eine nicht schäumende Manuka-Zahnpasta aus natürlichen Bestandteilen anwenden, außerdem wurde angeleitet, eine Einbüschelzahnbürste einzusetzen(SWAK- Zahnbürste aus Miswak-Wurzelholz),  die den Zahnfleischsulkus sanft massiert, einzusetzen. Für die Zahnzwischenraumpflege wurden Interdentalbürsten individuell angepasst, die bei jeder Mundpflege, 1 mal täglich, zu Hause, mit dem Mundpflegeöl benetzt wurden.  Die Patientin erhielt  zur täglichen Mundpflege eine individuelle Ölziehkur. 3 x 5 Minuten Ölziehen am Tag um die Regenerationsprozesse zu verstärken. Die Ölziehkur unterstützt die Balance der Mundflora  und lindert entzündliche Prozesse. Die Zahnreinigung wurde mit natürlichen Wirkstoffen (Zeolith, Natron, Silicea, Xylit, Kokosöl, ätherische Öle) durchgeführt. Vier Wochen später wurde ein Keimtest durchgeführt und der Parodontalstatus erhoben.

 

Durchführung der PAR – Therapie: Die systemische PAR-Behandlung erfolgte an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Vor der Behandlung wurde erneut eine Ölziehkur von 7 Min Dauer durchgeführt. Anschließend wurde das Deep Scaling und Root Planing mit Ultraschall und Handinstrumenten durchgeführt. Die Zahnfleischtaschen sind zwecks Nischendesinfektion mit einer Spitzwegerichtinktur nachgespült worden. Spitzwegerich hat blutungsstillende, antibakterielle, entzündungshemmende und reizlindernde Eigenschaften.  Im weiteren Verlauf erfolgte die Zungenreinigung und Zahnpolitur mit  (Polierkelch / Gummibürste) einer Polierpaste mit natürlichen Wirkstoffen (u.a. Zeolith, Kokosöl, Natron, ätherische Öle). Die antiinfektiöse Therapie umfasste die FMD mit einer individuellen zusammengestellten Ölziehkur gemäß Aromatogramm. Die Zahnfleischtaschendesinfektion wurde für 10 min mit einer 2 % Mischung –Ölziehkur durchgeführt (Olivenöl, Niaouli, Myhrre, Lavendel, Karottensamen, Oregano, Manuka und Wachholder) durchgeführt. Zum Schluss wurde die Parobalsam (Styrax, Zitrone , Myrte Anden) an einzelnen Zahnfleischtaschen appliziert. Die mikrobielle Diagnostik zeigte eine hohe Besiedelungsrate mit parodontalen Leitkeimen (roter + orangener Komplex) sowie eine zusätzliche Superinfektion mit Pseudomonas aeruginosa. Das Antibiogramm wies Resistenzen gegen Metronidazol und der Penicillingruppe, sowie Tetracyclinen und Clindamycin auf. Im Aromatogramm zeigte sich eine besonders gute Wirksamkeit bei Oregano, Thymian Thymol, Nelke und Lemongrass. Dabei sind die Konzentrationen und das Zusammenspiel der Inhaltsstoffe essentieller Öle von wesentlicher Bedeutung.

 

/// Ergebnis und Diskussion

Die Patientin erschien zwei Tage später zur Kontrolle. Im Unterkiefer hatte sich auf der rechten Seite im Unterkiefer ein parodontaler Abszesses gebildet. Das Zahnfleisch im Ober- und im linken Unterkiefer wies eine gute Heilung auf. Die Patientin war schmerzfrei. Die Zunge war extrem belegt. Es wurde eine dritte FMD in der Praxis durchgeführt. Nach zwei weiteren Tagen zeigte sich die Rückbildung des Abszesses Daraufhin entschloss man sich zu einer vierten FMD in der Praxis. In der darauf folgenden Kontrolle (1 Woche später) zeigte sich das Zahnfleisch blass und rosa. Die Schwellungen, Rötungen und Eiteraustritte waren vollständig zurückgegangen. Nach der PAR Therapie haben sich die Entzündungswerte deutlich im Blutbild verbessert. Der Pseudomonas aeruginosa war nicht mehr nachweisbar. Bei der Reevalutation nach einer zehnwöchigen Stabilisierungsphase wurde ein Rückgang der Taschensondierungstiefen festgestellt. Die Schwellung und Rötungen der Gingiva waren verschwunden und PUS  Freiheit war zu verzeichnen. Einige Zähne haben sich im Lockerungsgrad verbessert. Die Hyperplasien waren verschwunden, die Furkationen konnte die Patientin selbstständig reinigen. Der Foetor ex ore und der Zungenbelag waren gänzlich verschwunden. Die Patientin war völlig beschwerdefrei und fühlte sich wohl und konnte wieder in den Apfel beißen. Allerdings wiesen noch vereinzelte tiefe Zahnfleischtaschen im Seitenzahnbereich Entzündungszeichen ( BOP 25 %, PI 40 %) auf. Dennoch konnte auf chirurgische PAR verzichtet werden.  8 Wochen später wurde eine zweite PAR Behandlung im Seitenzahnbereich mit 2 FMD Behandlungen in der Praxis durchgeführt. Die Taschen-tiefen haben sich nochmals stark verbessert. Der Mundhygiene Status lag BOP 7 %, PI 18 %. Die Furkationen wurden sehr gut gereinigt. Der klinische Befund und die Blutwerte haben sich signifikant verbessert und befinden sich heute im Normalbereich. Der Bakterientest zeigte, dass die Brückenkeime (orangener Komplex) nicht mehr nachweisbar waren. Beim roten Komplex waren Porphyromonas gingivalis und Prevotella intermedia nicht mehr nachweisbar. Aggregatibacter actinomycetemcomitans war nach wie vor nachweisbar. Mit der empfohlenen Extraktion von 24 und 25 war die Patientin zunächst nicht einverstanden. Während eines stationären Aufenthaltes unterzog sich die Patientin weiteren zahnärztlichen Maßnahmen.

 

/// Fazit

Trotz der psychischen Belastung und des Drogenkonsums wurde eine stabile Mundgesundheitssituation geschaffen. Ein langfristiger Erfolg hängt von der Mitarbeit der Patientin bei der täglichen Mundhygiene und von der regelmäßigen Betreuung in der zahnärztlichen Praxis ab. Sie wurde nach der UPT  unter folgender Klassifikation eingestuft: Generalisierte Parodontitis Stadium III– Grad C. Eine lebenslange UPT mit einem engmaschigen Recallintervall von drei Monaten ist unabdingbar. Um die Entgiftung, Reinigung der Zähne und Pflege der Schleimhäute zu fördern, wendet die Patientin eine Ölziehpflege von 0,5 % an.  Das Ergebnis der dargestellten Parodontitisbehandlung ist seit einem Jahr stabil. Naturstoffe haben nur in seltenen Fällen Nebenwirkungen. Ätherische Öle können durch ihre Vielfältigen Angriffspunkte der Entwicklung von Antibiotikaresistenzen entgegenwirken und bei korrekter Kombination von ätherischem Öl und Antibiotikum sogar bestehende Resistenzen aufheben.

 

– AUTORIN

Janine Klee
www.aroma-prophylaxe.de

 

– KONTAKT

Deutsche Gesellschaft für DentalhygienikerInnen e.V.
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